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Wissenschaft in den Medien

„Wenn der Weltuntergang kein Thema ist, was dann?“
Sex sells. Dieses Motto nimmt sich auch Pascal Tanner, Columni-Vorstandsmitglied und Moderator des Events „Wissenschaft in den Medien“, zu Herzen. Er eröffnet die Podiumsdiskussion im Physiksaal des ehemaligen Technikums mit einem hoch-gehaltenen Artikel zum Thema „Sex im Alter“. Der Text stammt nicht aus einem der bewährten Wissenschaftsressorts von Tages Anzeiger oder NZZ und Co., nein, die faltig illustrierte Doppelseite ist im Blick am Abend erschienen.
Das brombeerfarbene Boulevardblatt ist nicht die einzige Gratiszeitung, die ihr Themenspektrum mit wissenschaftlichen Inhalten erweitert. Auch 20 Minuten verfügt seit November letzten Jahres über eine Wissensseite, gesponsert von der Stiftung Mercator und der Gebert Rüf Stiftung. Kann hier noch von einer journalistisch kritischen Grundhaltung gesprochen werden oder befinden wir uns bereits im Bereich geschickt inszenierter Wissenschafts-PR?

Hochkarätige Gäste
Mit dieser Frage werden die beiden Gäste des Abends konfrontiert: die Neurobiologin Isabel Klusman rückt als Projektleiterin von Life Science Zurich Biologie und die daran angrenzenden Forschungsfelder ins Licht der Öffentlichkeit. Ziel ihrer Arbeit ist es, Laien die Spitzenforschung der Universität Zürich und der ETH Zürich verständlich zu machen –unter anderem im Rahmen von „Brainfair“, einer Plattform für Veranstaltungen zur Forschung in den Neurowissenschaften.
Der freie Wissenschaftsjournalist Marcel Hänggi schreibt derzeit vorwiegend über Umweltthemen. Dazu hat er vor zwei Jahren das Buch „Wir Schwätzer im Treibhaus“ veröffentlicht. Darüber hinaus ist es sein Anliegen, Wissenschaft kritisch zu begleiten und dabei auch die Grenzen derselben auszuloten und zu thematisieren.

Abhängigkeiten und getarnte Interessensvertreter
Hänggi äussert sich zur Rubrik „Wissen“ von 20 Minuten eindeutig: „Wer gesponsert wird, verliert seine Unabhängigkeit.“ Abhängigkeiten im Wissenschaftsbetrieb, aber auch in anderen Systemen wie Wirtschaft, Politik und Verlagswesen sind dann auch ein zentrales Thema der Diskussion. Hänggi trifft immer wieder auf Experten, die zwar kompetent auf ihrem Gebiet sind, jedoch ganz klare Interessensvertreter wie beispielsweise die Universität Zürich im Rücken haben.
Der Gefahr, befangenen Wissenschaftlern auf den Leim zu gehen, begegnet Hänggi pragmatisch: „Expertenmeinungen kann ich vielleicht inhaltlich nicht immer überprüfen, aber ich habe die Möglichkeit, die Umstände unter denen Erkenntnisse zu Stande kommen, genauer unter die Lupe zu nehmen“, sagt Hänggi.
Klusman stellt Ansprüche an die eigenen Reihen. „Die Wissenschaft muss sich auch selbst immer wieder kritisch hinterfragen.“ Obwohl die Biologin die Seite der Wissenschaftskommunikation vertritt, lässt sie durchblicken, dass auch an den Universitäten nicht immer Einigkeit darüber herrscht, welche Erkenntnisse der Öffentlichkeit „zugemutet“ werden dürfen und welche Informationen nicht publik gemacht werden. Laut Klusman hat auch die wissenschaftliche Welt nicht immer Einblick in alle Daten. So liessen sich beispielsweise Negativdaten sehr schlecht verkaufen.
Hier hakt Moderator Tanner nach. Negativdaten wären auch nicht das attraktivste Thema für einen Wissenschaftsjournalisten, aber die Neurobiologie führe beispielsweise regelmässig Tierversuche durch, von denen praktisch keine Berichte oder Bilder veröffentlicht würden. „Neurowissenschaften sind hier bestimmt ein Problemthema“, sagt Klusman. Es sei natürlich unproblematischer, farbige Bilder des menschlichen Gehirns zu zeigen als Tiere, mit denen Experimente durchgeführt würden. Jedoch entzieht sich die Forscherin Klusman der Verantwortung nicht. Am Wissenschaftsfestival 2001 im Hauptbahnhof Zürich haben Forschende des Instituts für Hirnforschung unter anderem ein Video einer durch ein Experiment gelähmten Maus dem Publikum präsentiert.

Willkürliche Themenwahl
Der Journalist Hänggi kann sich die Themenwahl der Redaktionen auch nicht immer erklären. „Manchmal schlägt man eine Geschichte bei einer Sitzung vor und keiner schaut auf, und beim nächsten Mal ist es plötzlich ein Renner.“ Auch der schlechte Ruf der Boulevardmedien scheint nicht immer gerechtfertigt. „Blick bringt manchmal Stories, die von den so genannten Qualitätsblättern totgeschwiegen werden.“ So sei dies auch mit der Geschichte rund um den neuen CERN-Teilchenbeschleuniger im letzten Sommer gewesen. Plötzlich war da von Schwarzen Löchern und dem Ende der Welt die Rede. Hänggi meint schmunzelnd: „Wenn der Weltuntergang kein Thema ist, was dann?“
In der abschliessenden Gesprächsrunde kommt die Apokalypse dann aber nicht mehr zur Sprache. Die Zuhörerinnen und Zuhörer sind vor allem an praktischen Fragen interessiert, die den Alltag der Kommunikation rund um die Wissenschaft prägen. „Was brauchen Journalisten von Seiten der Agenturen, um ihre Artikel zu verfassen? Zusammenfassungen von Studien, ansprechende Bilder oder nur den Kontakt zu den Experten?“, will eine Teilnehmerin wissen. „Ist der Wissenschaftsdienst der SDA eine verlässliche Quelle?“, fragt ein nächster. Die angeregte Beteiligung des Publikums macht deutlich: Der Columni-Anlass „Wissenschaft in den Medien“ hat Interesse geweckt und zum Nachdenken angeregt. ¨

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